Eine seltsame Geschichte über Design

Mixer, die dänische Staatsbahn und Flugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg – Odd Thorvik, Leiter der Entwicklungsabteilung bei Glamox, findet Anregungen für gutes Design an unerwarteten Orten.

Es war wohl kaum das englische Wort „odd“ (seltsam), das seine Eltern bei der Taufe von Odd Thorvik 1956 im Sinn hatten. Odd ist ein gebräuchlicher norwegischer Vorname, der „scharfe Kante“ oder „Speer“ bedeutet. Nach Aussage des Namensgebers ist die englische Übersetzung jedoch nicht gänzlich unangebracht.
„Ich bin etwas eigenartig. Das sind Designer oft. Außerdem bin ich ein großer Nerd, sagt er lachend, und spricht über die Wohnung, die Charakterzüge eines Sammlers verkörpert, der schnell von ästhetischen Objekten begeistert ist. Das Problem ist, dass es nur 70 Quadratmeter gibt, um sich auszutoben. „Im Sommer ging ich an einem Antiquitätenladen vorbei, in dem eine dänische Modellbahn im Schaufenster ausgestellt war. Das grafische Design der Dänischen Staatsbahnen von 1973 bis 1997 hat mir immer gefallen. Ich kaufte den Zug und die dazugehörige große Kiste Schienen“, lacht Thorvik, der es außerdem geschafft hat, Platz für zwei- bis dreitausend LPs/CDs und Bücher in der Wohnung zu finden. Historische, biographische und andere Sachbücher sind seine Lieblingsliteratur, aber man kann einen Design-Nerd auch in seiner Lesestoffwahl erkennen.
„Ich sammle seit Jahren Bang & Olufsen-Broschüren“, sagt Thorvik, der sich für die minimalistische und funktionale Designsprache einsetzt, die das skandinavische Design in den letzten Jahrzehnten geprägt hat. Diesen Aspekt hat er auch als Leiter der Entwicklungsabteilung bei Glamox mit eingebracht.
„Meine Design-Maxime ist es, Formen zu kreieren, die leicht zu verstehen und langlebig sind. Ich glaube nicht an Verzierungen, die Dinge nur kompliziert machen. Wir sind industrielle Designer, keine Künstler. Alles, was wir liefern, muss eine Funktion erfüllen“, sagt er.
Und nur wenige wissen so viel über die Funktionalität von Glamox-Leuchten wie Thorvik. In seiner Tätigkeit deckt er die gesamte Bandbreite der Produktpalette ab, von explosionsgeschützten Offshore-Leuchten bis hin zu architektonischen Büroleuchten. In den 40 Jahren seiner Tätigkeit hat er zudem eine rasante technologische Entwicklung miterlebt. Laut Thorvik war er als Produktentwickler am Kauf einiger der ersten Rechner des Unternehmens beteiligt. Und heute sind 3D-Modellierungssoftware und 3D-Drucker unverzichtbare Werkzeuge für Konstrukteure. Nicht zuletzt hat Thorvik den Übergang von Leuchtstofflampen zu LEDs miterlebt.
„Neben den offensichtlichen Vorteilen der Energieeffizienz, Lebensdauer, Farb- und Lichtsteuerung bieten LEDs auch viele Vorteile in Bezug auf das Design. Die kleinen Leuchtdioden ermöglichen kompaktere Leuchten und mehr Gestaltungsfreiheit, was alle Designer sehr zu schätzen wissen“, sagt er.


Meine Design-Maxime ist es, Formen zu kreieren, die leicht zu verstehen und langlebig sind.

Odd Thorvik,
            Leiter der Entwicklungsabteilung
            bei Glamox

Dieter Rams

Die bodenständige Verbindung zum Design hindert Thorvik nicht daran, für Inspiration und Ideen weit über den Tellerrand hinaus zu schauen. „Diejenigen von uns, die im Bereich Design arbeiten, können gutes Design in allem sehen – vom Mixer bis zum Auto“, sagt Thorvik. Dieter Rams, der von 1961 bis 1995 Leiter des Designbereichs bei Braun war, ist eines von Thorviks Vorbildern im Designerbereich. Thorvik ist der Meinung, dass Rams 10 Prinzipien des guten Designs heute genauso relevant sind wie in den 1960er Jahren. Das Gleiche gilt für Gegenstände, an deren Design er beteiligt war, wie die ersten minimalistischen Radios und Haushaltsgeräte.

„Nick“, „Roll“ und „Gier“

Eine andere Sache, die Thorviks Designergehirn anspricht, sind Flugzeuge. Insbesondere Kampfflugzeuge aus dem Zeitraum 1935-1944. „Ich habe eine eigene Vitrine in der Wohnung mit insgesamt 49 Modellflugzeugen. Es begann als Bedürfnis, sich einem Hobby zu widmen und endete damit, dass ich eine Box mit Modellen aus den USA bestellte. Flugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg sind das Schönste, was ich kenne, besonders die Spitfire“, sagt Thorvik.
Und genau dieses Interesse an Flugzeugen und deren Bewegung hat Thorvik bei seiner Arbeit an einer brandneuen Produktfamilie inspiriert, die aus Schreibtischleuchten, Stehleuchten, Wandleuchten und einer Pendelleuchte besteht. Die Familie, die den Namen Motus trägt, wird unter der Marke Luxo geführt. Die neuen Schreibtischleuchten sind mit Elementen der armbasierten Technologie ausgestattet, die vom Luxo-Gründer Jac Jacobsen Ende der 1930er Jahre entwickelt wurde. Bei den Motus-Leuchten sind die Federn jedoch innerhalb der Arme platziert, um ein minimalistischeres Erscheinungsbild zu erreichen. Darüber hinaus gibt es Weiterentwicklungen in der Beweglichkeit der Leuchte. Hier kommen die Flugzeuge ins Spiel.
„Ein Flugzeug hat drei Bewegungsdimensionen, die als Nick, Roll und Gier bezeichnet werden“, erklärt Thorvik und zeigt mit den Händen, wie sich das Flugzeug in drei Achsen von Seite zu Seite, auf und ab und seitlich bewegt. „Die Köpfe der heutigen armbasierten Leuchten, sowohl unsere als auch die unserer Wettbewerber, können maximal nur zwei dieser Bewegungen ausführen. So verfügt beispielsweise die ursprüngliche L-1 Leuchte nur über Nick und Roll, nicht aber über die laterale Gierbewegung. Das fühlte sich für mich nicht richtig an. Ich wollte, dass der Kopf völlig frei positionierbar ist, so dass kein Parallelarm benötigt wird“, sagt Thorvik, der mit dieser Idee die Schreibtischleuchten der Motus-Familie entwickelte.

Modularisierung

Eine weitere Leidenschaft von Thorvik ist die Modularisierung. Es geht darum, Produktfamilien so aufzubauen, dass man Komponenten wiederverwenden kann, ähnlich wie bei den traditionellen Legosteinen. Die Familie Motus ist dafür ein gutes Beispiel. Da hierbei eine begrenzte Anzahl von verschiedenen Teilen zu 18 einzelnen Produkten zusammengefasst wird.
„Auf diese Weise benötigt man weniger Teile, was zu einer besseren Qualität und einer kostengünstigeren Produktion führt. Gleichzeitig schaffen wir ein unverwechselbares Produktprofil“, sagt er.

–Design ist Teamarbeit

Glamox hat die Motus-Produkte in Zusammenarbeit mit der Designagentur Permafrost entwickelt.
„Permafrost hat einen fantastischen Job gemacht und uns geholfen, den Leuchten eine Identität und ein freundliches Aussehen zu verleihen“, sagt Thorvik und lobt anschließend die Mitarbeiter in der Konstruktionsabteilung. „Der Mechanismus basiert auf dem Luxo-Fachwissen, mit dem seit 1937 selbst ausbalancierende Leuchten hergestellt werden (Luxo wurde 2009 von Glamox übernommen, Anmerkung der Redaktion). Diejenigen, die die Leuchte entwickelt haben, sind die Weltspitze dieser Technologie“, sagt Thorvik, der glaubt, dass man manchmal zu weit gehen kann, wenn es darum geht, Menschen im Designprozess zu verehren.
„Design ist auch Teamarbeit. Ideen werden oft in einer Gruppe ausgearbeitet und durchlaufen einen Prozess, bevor sie umgesetzt werden. Verschiedene Menschen tragen auf unterschiedliche Weise dazu bei. Einige sind strukturiert, andere impulsiver. Um mit einer Idee erfolgreich zu sein, braucht es unterschiedliche Persönlichkeiten im Team und im Unternehmen insgesamt“, sagt er.

Dieter Rams 10 Prinzipien des guten Designs

Gutes Design:
1. ist innovativ – Die Möglichkeiten der Weiterentwicklung sind keineswegs ausgeschöpft. Die technologische Entwicklung bietet immer wieder neue Möglichkeiten für originelle Designs. Fantasievolles Design entwickelt sich jedoch immer im Zusammenhang mit der Verbesserung der Technologie und kann nie zum Selbstzweck werden.

2. macht ein Produkt nützlich – Ein Produkt wird gekauft, um benutzt zu werden. Es muss nicht nur funktionale, sondern auch psychologische und ästhetische Kriterien erfüllen. Gutes Design betont den Nutzen eines Produkts und verzichtet auf alles, was es beeinträchtigen könnte.

3. ist ästhetisch – Die ästhetische Qualität eines Produkts ist entscheidend für seinen Nutzen, denn Produkte werden täglich verwendet und wirken sich auf den Menschen und sein Wohlbefinden aus. Nur gut realisierte Objekte können schön sein.

4. macht ein Produkt verständlich – Es verdeutlicht die Struktur des Produkts. Besser noch, es kann bewirken, dass die Funktion des Produkts durch die intuitive Bedienung des Benutzers klar zum Ausdruck kommt. Im besten Fall ist es selbsterklärend.

5. ist dezent – Produkte, die einen Zweck erfüllen, sind wie Werkzeuge. Sie sind weder Deko- noch Kunstgegenstände. Ihr Design sollte daher sowohl neutral als auch dezent sein, um Raum für die Selbstdarstellung des Benutzers zu lassen.

6. ist ehrlich – Es lässt ein Produkt nicht innovativer, leistungsfähiger oder wertvoller erscheinen, als es wirklich ist. Es versucht nicht, den Verbraucher mit Versprechungen zu manipulieren, die nicht eingehalten werden können.

7. ist langlebig – Es vermeidet Modetrends und wirkt daher nie überholt. Im Gegensatz zu modischem Design überdauert es viele Jahre – auch in der heutigen Wegwerfgesellschaft.

8. ist durchdacht bis ins letzte Detail – Nichts darf willkürlich sein oder dem Zufall überlassen werden. Sorgfalt und Genauigkeit im Konstruktionsprozess zeigen Respekt gegenüber dem Verbraucher.

9. ist umweltfreundlich – Design leistet einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Umwelt. Es schont Ressourcen und minimiert die physische und visuelle Belastung während des gesamten Lebenszyklus des Produkts.

10. ist so wenig Design wie möglich – weniger ist mehr – weil es sich auf das Wesentliche konzentriert und die Produkte nicht mit Unwesentlichem überladen werden. Zurück zur Reinheit, zurück zur Einfachheit.